lichtarbeit

oder "mit allen sinnen"
30.10.2005
16.10.2005
01.10.2005
10.01.2004

30.10.2005
dass ich die windbraut bin, wusste ich ja schon lange. heute ist mir das nochmal extra-bewusst geworden.

als ich meinen großen beim fußball abgeliefert hatte, drängte mich ein impuls, nicht den üblichen weg nach hause zu fahren, sondern mitten durch die pampa, an "der" windmühle vorbei. ich hatte das dringende bedürfnis, einen anderen weg zu fahren als sonst. das öffnet den geist und lässt andere (lösungs)wege in die gedanken. also gibt es keinen guten grund, der mich hindern könnte und darum fahre ich da wirklich lang. die windmühle ist so eine moderne zur stromegewinnung. manchmal standen dort demonstrationsschilder "obstpark statt windpark". hab das nie verstanden, weil windenergie doch so eine tolle sache ist und die umwelt-resourcen in ruhe lässt.

sie steht auf einer kleinen anhöhe zwischen vier ortschaften. es gibt dort oben nur alte obstplantagen und wilde wiesen. die "straßen" sind vierzig-jahre-alte zwei-auto-breite armee-und-landmaschinen-wege. also aneinandergereihte betonplatten - weiter nix. trotzdem wird das gut befahren, weil es so schön schnell geht. aber heute morgen bin ich allein dort oben, wo sich die vier weg treffen. alle anderen leute schlafen noch. sicher leiden sie am sommer-auf-winterzeit-umstellungs-jet-lag. und weil ich heute in der richtigen stimmung bin, auf mich zu hören, ohne dass ich schreien muss, halte ich mitten auf der kreuzung an, weil es sich einfach richtig anfühlt, dies zu tun.

natürlch kann ich da nicht wie angewurzelt stehenbleiben, also fahre ich die elise ins hohe gras neben dem armeeplattenweg und gehe dann (absatz-stiefel hin oder her) den schmalen feldweg richtung windmühle. hier war ich noch nie - bin immer nur vorbeigefahren. links von mir sind sehr alte obstplantagen, rechts ist wiese. der pfad hier scheint nur von den technikern der windmühle befahren zu werden, denn er ist zweispurig mit einer hohen grasnarbe in der mitte. ich muß die ganze zeit auf meine schritte achten. zwischen den obstbäumen riecht es sehr streng: wildschweine ... da ich aus meinem joggerinnendasein ein bisschen wilderfahrung habe und weiß, dass ich lauter schreien kann, als alle schweine der welt, missachte ich sie verbissen-tapfer und gehe weiter. wegen denen drehe ich jetzt nicht um! ich will zur windmühle. sie ist heute meine bestimmung. (hilfe, wie patetisch das klingt!)

ich schaue kurz hoch und langsam taucht aus dem hohen gras der fuß der windmühle auf. mit herzklopfen komme ich ans ende der plantage. jetzt erstreckt sich beidseitig von mir die wildgewachsene wiese. der wind weht mir von links die haare ins gesicht und ich bin ehrlich überrascht, weil es zwischen den bäumen windstill war. der fuß der windmühle ist eingezäunt und da stehen zwei kleine transformatorhäuschen mit drin und da ist jede menge meterhohes unkraut hinter diesem zaun. mit meinen näherkommen schrecke ich ein kaninchen auf und es hoppelt schnell in den hinteren bereich seines seltsamen "geheges"

so ein windrad ist schon ganz schön gewaltig. wenn man da so von unten hinaufschaut... oben im zentrum der drei flügel ist eine ausstiegsluke mit tritt-gitterrost und geländer. allein vom zusehen wird einem schwindelig. außerdem machen die flügel auch richtig viel lärm und sie werfen diffuse wirbelnde schatten auf die wiese in weiter ferne. deshalb also sind die windparks so umstritten? ich stehe eine weile nur rum und denke komisches zeugs. ich frage mich wieder mal, wie menschen ihre wege begehen und finden. sie tun das analog der lebenswege, die sie einschlagen. schon mal bemerkt?

da nichts großartiges passiert kehre ich, als ich ein wenig verfroren bin, langsam um und laufen den weg zurück, den ich gekommen bin. meine fußspuren kommen mir entgegen und ich sehe, was mir vorhin entgangen ist: aus dem festgefahrenen sand ragen überall spitze steine hervor. als ich hier langgelaufen bin, hab ich schon die ganze zeit auf die windmühle geachtet und sie gar nicht wahrgenommen. wie symbolisch! "das ziel fest vor augen, hab ich gar nicht gesehen, dass mein weg steinig ist." ich werte das mal als eine sehr positive eigenschaft. ich schaue kurz auf, halb nach links gedreht, um nochmal einen blick auf die wirbelnden schatten dort in der ferne zu werfen, da erfasst mich eine ganz warme windböe

ich halte still und warte ab. sie ist anders als der wind, der die ganze zeit hier wehte. stärker, wärmer, intensiver. ich drehe mich ganz zur seite, denn er spricht mit mir und ich schweige, um ihn zu hören. sogar meine gedanken schweigen. ich hebe seitlich die arme, so dass mich der wind von hinten umfängt. er nimmt mich auf, in seine unsichtbaren arme und ich lasse mich leicht rückwärts hineinsinken. ich habe keinerlei angst, hinten über zu fallen. fühle mich nur absolut sicher und geborgen. so sicher und geborgen wie lange nicht und das treibt mir die tränen ins gesicht. ich bin gut aufgehoben. jetzt. immer. ich höre es. der wind ist ein teil von mir und ich bin ein teil von ihm und immer, immer. egal was passiert, werde ich zu hause sein, da wo er ist und natürlich auch da, wo ich selber bin. ich verstehe und ich weine und meine tränen und mein atem und meine gedanken "ja. ich verstehe"... sie sind so laut wieder wind: nur wir beide können sie hören.

ganz langsam richtet er mich wieder auf, stelle ich mich wieder gerade hin, aber ich lasse die arme noch einen moment ausgebreitet, bis er ganz davongestürmt ist. über die wildwiese und die schatten der windmühlenflügel hinweg und durch den schmalen waldsaum hindurch. dann verliere ich seine spur. also nur seine stimme ist weg. der wind ist ja noch da. nur nicht hier. er ist wieder so laut schweigend wie vorher.

08.11.2005 - heute war er hier auf der terrasse bei mir. ganz vorsichtig. ganz sanft. weil ich krank bin schiebt er mir nur eine locke aus der stirn und streichelt sanft mein gesicht, flüstert um mich herum und verschwindet. der wind, der bei mir bleibt ist wieder der laut schweigende, den alle kennen. ich glaube, jetzt verstehe ich meinem letzten besuch am meer. es war nicht das meer, was mich so verrückt gemacht hat, es war der wind. darum war es nur an einem tag so. als ich das zweite mal am meer saß war ich ganz still und nichts hat mich im innersten so stark aufgewühlt, dass ich hätte rennen oder schreien müssen. jetzt verstehe ich.

an dem tag, als ich geboren wurde, fuhr meine mutter ganz früh ins krankenhaus. es stürmte und peitschte und die ganze republik war in aufruhr, weil bäume entwurzelt wurden und dachziegel von den dächern flogen. mein vater konnte erst viel später bei seiner arbeit erreicht werden. so wusste nur meine mutter und vaters mutter, dass ich heute geboren werden wollte. als meine mutter in den wehen im kreißsaal lag wurden von dem orkan, zu dem der sturm inzwischen geworden war, die fenster aufgerissen. ein hausmeister kam eilends herbei und die fenster wurden mit brettern und nägeln gesichert. ich kam auf die welt und das zweite fenster wurde aufgedräckt. als der hausmeister mit neuen brettern und nägeln herbeieilte, hielt mich meine mutter schon erschöpft im arm. tags darauf verkündete meine oma freudestrahlend, die windbraut wäre geboren worden. meine wilde ankunft hat in der ddr ca 80 mio mark schaden angerichtet und die brd blieb auch nicht verschont.

nach oben!