lichtarbeit

oder "mit allen sinnen"
30.10.2005
16.10.2005
01.10.2005
10.01.2004

16.10.2005
ich hab zeit. für mich. ich gehe raus. da draußen sind die letzten superwarmen sonnenstunden des jahres...

ich hab mir einen winzigen rucksack gepackt. selbstgemachtes sushi von gestern. ein kleines handtuch zum sitzen. ein 0,3er flasche wasser und ein halber apfel. ich komme mir vor wie ein geselle auf wanderschaft - alle habseligkeiten im kleinen bündel und kein klares ziel sondern nur meinen weg vor augen. ungewohntes gefühl. aber irgendwie genial. es ist so hervorragend anders.

alles, was ich unterwegs sehe ist heute extrem klar und heftet sich in mein langzeitgedächtnis.   (obwohl schon 61 tage her, weiß ich noch so viele details! wie das gras roch, als ich beim pfarrer über den zaun langte, um einen vergessenen apfel zu stiebitzen oder wie kalt meine finger sich anfühlten. ich weiß noch, dass ich kurz vor der dachdeckerei einen kleinen kiesel beiseite geschossen habe und dass ich mich wunderte niemanden zu treffen, außer der alten dame am friedhof. an dem tag stand neben dem friedhofstor ein alter stuhl - ich höre noch meinen gedanken; wer hat den dort abgestellt und wozu? lauter solche dinge...)   dem pony, dass sonst nie mit mir redet, reiche ich den apfelgriepsch über den zaun. es freut sich wie wild. dann komme ich an den letzten drei häusern unseres dorfes vorbei und dort ist ein sehr großes feld.

In der Mitte des Feldes gibt es eine Art Insel. Da war ich noch nie. Dort zieht es mich hin. Ich trete vorsichtig zwischen das junge Grün. Ist das eine Wintersaat? Wir haben Oktober! Ich rieche die warme Feuchtigkeit der Erde und fühle ihre Weichheit unter den Füßen. Um nicht im weichen Acker zu stolpern, muss ich die ganze Zeit nach unten schauen, aber ohne aufzublicken weiß ich, dass ich die Insel nicht verfehlen werde. Es ist, als wäre mein Weg über das Feld vorbestimmt, als würde ich an einer unsichtbaren Schnur gezogen. Wind kommt in Böen mal von vorn mal seitlich und bläst mir das Haar aus odem der ins Gesicht. Alles fühlt sich so lebendig an. Als wäre es noch Sommer. Auch die Sonne entwickelt noch einmal richtig Kraft.

Die Insel besteht scheinbar aus allem, was der Bauer nicht im Feld lassen wollte. Steine, Gestrüpp, Unkraut, Erde - überwuchert von neuen hohen Wildgräsern und Strauchwerk. Sie ist etwa 2 Meter hoch und 8-10 Meter im Durchmesser. An einer Stelle kann man hinauf klettern. Das mache ich natürlich sofort. Ich will wissen, wie weit man gucken kann und ob man einen schönen Überblick über das Feld hat?

Hat man. Ich stehe da oben und staune, was 2 Meter so ausmachen. Ein großer Vogelschwarm zieht eine Schleife über meinem Kopf. Ich schaue ihnen nach mit Wind im Haar und in der Seele. Bin ganz frei von allem in diesem Moment. Mein Herz ist leicht wie seit Langem nicht. Ein gutes Gefühl. In Gedanken kann ich den Vögeln folgen: Als Drache. Ich entfalte meine Schwingen, lasse mich von den Winden tragen, genieß eine noch bessere Aussicht, nutze die Luftströmungen mit ihren leichten Auf's und Ab's... irgendwann bin ich erschöpft und mir wird klar, dass ich nach drei-wöchiger Krankheit hungrig auf einem kleinen Berg Feld-Abfall stehe und es doch sehr kühl ist, wenn die Sonne hinter ein paar Wolken steckt...

Das man von hier oben sehr gut das umliegende Land betrachten kann, scheint auch der Jäger zu wissen, der hier oben zwischen dem Grünzeug eine Schießscharte errichtet hat. Er sieht die Tiere, aber sie ihn nicht. Wie hinterhältig! Da ich das Ganze zum Glück nicht gleich begreife, setze ich mich völlig unbedarft daneben ins Grün und esse in Ruhe meinen Proviant. Dann verstaue ich alles wieder im Mini-Rucksack und stehe noch einmal im Wind. Plötzlich hab ich das Gefühl, regelrecht nach Hause gesogen zu werden, weil "Er" dort ist und mich sucht.

Fragezeichen? Wer "Er"? Komisch.

Trotzdem mache ich mich auf den Weg. Umrunde noch einmal den Mini-Berg und beschließe, einen anderen Weg vom Feld hinunter zu nehmen. Da kommt mir (quer übers Feld!) ein Jeep entgegen. Direkt auf mich zu. Mir ist etwas mulmig. Was kann da jemand wollen und warum gibt er so viel Gas, fährt so wütend? Knapp vor mir kommt er zum Stehen und springt fast im selben Moment aus dem Auto, direkt vor meine Füße. (schrecklassnach)

Vor mir baut sich ein älterer Mann mit Karo-Holzfällerhemd und zerschlissenen Jeans auf und ohne einen Gruß oder eine Frage bombardiert er mich mit einem Schwall wütender Worte, denen ich nach einer Weile entnehmen kann, dass er befürchtet, ich würde ihm seine Jagd streitig machen wollen. Das wäre hier schließlich und endlich sein Land und seine von ihm gepachtete Jagdstrecke ... blablablabla ... in mein Gehirn sickert unterdessen der Schießstand vom Mini-Berg und der Typ ist jetzt nicht mehr nur wegen seines völlig deplazierten Verhaltens bei mir unten durch, sondern auch weil er wehrlose Tiere aus dem Hinterhalt erschießt. So ruhig ich kann sage ich also zu ihm: "Ich gehe hier nur spazieren. " Sofort werde ich mit einem neuen Wortschwall angebrüll. Trotzdem wage ich noch einen weiteren Einwand: "Ich schieße nicht auf Tiere." dann mache ich einfach einen Schritt seitwärts und gehe Richtung Feldrand, während es hinter mir immer noch Worte hagelt von " ... nie wieder hier blicken lassen ... " und " ... sein! Jagdrevier ... " und " ... spazieren? paah! ... " So in der Art.

Was für ein furchtbarer Mensch. Ich brauche ein ganzes Stück Weg durch die Natur, um das abzuschütteln und zu vergessen.

Viel später im Mai - fast auf den Tag 6 Monate nach diesem Ereignis - erfahre ich von Herrn Fisch, dass dies der Tag war, an welchem er auf dem Motorrad durch unseren Ort gefahren ist, um herauszufinden, in welchem Haus ich wohne. Ich erinnerte mich sofort an das Gefühl regelrecht nach Hause gesogen zu werden und dankenswerterweise gab es ja auch noch die Homepage zum nachlesen =)

nach oben!